28.09.2025 Magdalena Meier, M.Sc. Biologie
Endometriose: Zwischen Schmerz, Stigmatisierung und Selbstfürsorge
Starke Regelschmerzen, Erschöpfung, Verdauungsbeschwerden oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr werden noch immer häufig als „normal“ abgetan. Viele Betroffene hören über Jahre Sätze wie „Das gehört zur Periode dazu“ oder „Da muss man eben durch“. Doch Schmerzen, die Schule, Beruf, Partnerschaft oder Alltag regelmäßig einschränken, verdienen Aufmerksamkeit. Hinter diesen Symptomen kann sich Endometriose verbergen, eine chronische Erkrankung, die lange kaum verstanden und gesellschaftlich tabuisiert wurde.
Eine Erkrankung mit langer Geschichte
Beschreibungen von Beschwerden, die aus heutiger Sicht an Endometriose erinnern, finden sich bereits in historischen medizinischen Texten. Eine eindeutige Zuordnung ist rückblickend jedoch schwierig. Unterleibsschmerzen, Blutungsstörungen oder unerfüllter Kinderwunsch wurden lange nicht als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet.
Stattdessen erklärte man Beschwerden von Frauen über Jahrhunderte häufig mit vermeintlicher „weiblicher Empfindlichkeit“ oder psychischen Ursachen. Der historische Begriff Hysterie leitet sich sogar vom griechischen Wort hystéra für Gebärmutter ab. Unterschiedlichste körperliche und seelische Beschwerden wurden dadurch pauschal der Psyche oder dem weiblichen Fortpflanzungssystem zugeschrieben.
Erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe genauer untersucht. Der Mediziner John Sampson prägte in den 1920er-Jahren die moderne Vorstellung der Endometriose entscheidend mit.
Die Begriffe haben sich verändert, manche Denkweisen, aus bisherigen, männerdominierten Zeiten, jedoch nicht vollständig. Auch heute erleben Betroffene, dass starke Schmerzen normalisiert, psychologisiert oder nicht ausreichend ernst genommen werden. Scham rund um Menstruation, Sexualität und Verdauungsbeschwerden kann zusätzlich dazu führen, dass Symptome lange nicht angesprochen werden.
Was ist Endometriose?
Bei Endometriose befindet sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter. Die Herde können unter anderem an den Eierstöcken, am Bauchfell, an den Eileitern, am Darm, an der Blase oder an Strukturen im Becken auftreten.
Dieses Gewebe kann auf hormonelle Veränderungen während des Menstruationszyklus reagieren. Dadurch können lokale Entzündungsreaktionen, Blutungen, Zysten, Verklebungen und Verwachsungen entstehen.
Das Ausmaß der sichtbaren Herde sagt nicht automatisch etwas über die Stärke der Beschwerden aus. Kleine Herde können somit bereits starke Schmerzen verursachen.
Typische mögliche Symptome sind:
- starke oder zunehmende Regelschmerzen,
- chronische Unterbauch- oder Beckenschmerzen,
- Schmerzen beim oder nach dem Geschlechtsverkehr,
- Schmerzen beim Stuhlgang oder Wasserlassen,
- zyklusabhängige Verdauungsbeschwerden,
- starke oder unregelmäßige Blutungen,
- Erschöpfung,
- Rücken- oder Beinschmerzen,
- unerfüllter Kinderwunsch.
Nicht alle Beschwerden müssen gleichzeitig auftreten. Aufgrund des vielfältigen Erscheinungsbildes wird Endometriose auch als „Chamäleon der Gynäkologie“ bezeichnet.
Wie häufig ist Endometriose?
Genaue Zahlen sind schwierig zu bestimmen, da Endometriose unbemerkt verlaufen und über Jahre unerkannt bleiben kann. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa zwei Millionen Frauen betroffen. International wird häufig davon ausgegangen, dass ungefähr jede zehnte Frau beziehungsweise Person im gebärfähigen Alter Endometriose hat.
Bis zur Diagnose können mehrere Jahre vergehen. Gründe dafür sind unter anderem die Normalisierung starker Regelschmerzen, die unterschiedlichen Symptome und mögliche Verwechslungen mit Darm-, Blasen- oder Rückenbeschwerden.
Mehr Aufmerksamkeit für Endometriose bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass die Erkrankung plötzlich häufiger auftritt. Diese Aufmerksamkeit kann helfen, dass Beschwerden besser erkannt und früher abgeklärt werden können.
Häufig verwendete Mikronährstoffe
Folgende Mikronährstoffe sind als Ergänzung zu einer normalen Ernährung zu erwähnen:
- Eisen: Starke oder lang anhaltende Blutungen können mit einem erhöhten Eisenverlust verbunden sein. Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, Blässe oder Konzentrationsprobleme können mögliche Hinweise auf eine unzureichende Versorgung sein. Vor einer Einnahme sollte der Eisenstatus ärztlich kontrolliert werden. Eisen trägt zur normalen Bildung roter Blutkörperchen und von Hämoglobin sowie zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.
- Vitamin D: Vitamin D wird im Zusammenhang mit Endometriose häufig untersucht. Vitamin D trägt unabhängig davon zur normalen Funktion des Immunsystems und zu einer normalen Muskelfunktion bei. Eine höhere Dosierung sollte bedarfsorientiert und gegebenenfalls nach Laborkontrolle erfolgen.
- Magnesium: Während der Menstruation kann die Magnesiumversorgung stärker in den Fokus rücken. Magnesium wird häufig bei Muskelanspannung, Müdigkeit oder erhöhtem Bedarf verwendet. Es trägt zu einer normalen Muskelfunktion, einer normalen Funktion des Nervensystems und zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.
- Omega-3-Fettsäuren und Pflanzenstoffe: Omega-3-Fettsäuren werden im Zusammenhang mit Endometriose insbesondere aufgrund ihrer Beteiligung an der Bildung entzündungsregulierender Botenstoffe untersucht. Erste Studien weisen darauf hin, dass EPA und DHA bestimmte Entzündungsparameter beeinflussen könnten.
Auch verschiedene Pflanzenstoffe stehen im Fokus der Forschung. Dazu gehören beispielsweise Curcumin aus Kurkuma, Resveratrol, Quercetin und EGCG aus grünem Tee. Untersucht werden vor allem mögliche Zusammenhänge mit Entzündungsprozessen, oxidativem Stress, Zellwachstum und Gefäßneubildung.
Welche Mikronährstoffe sinnvoll sind, hängt unter anderem von der Ernährung, den Laborwerten, der Stärke der Blutung, den Beschwerden, eingenommenen Medikamenten, einem möglichen Kinderwunsch und der persönlichen Verträglichkeit ab.
Tipps für den Alltag
Ein Zyklus- und Symptomtagebuch kann helfen, Zusammenhänge zwischen Blutung, Schmerzen, Verdauung, Schlaf, Bewegung und Energie zu erkennen und ärztliche Gespräche vorzubereiten. Wärme, ein warmes Bad oder sanfte Atemübungen werden häufig als angenehm empfunden, während Bewegung an die jeweilige Tagesform angepasst werden sollte – von Spaziergängen und leichtem Yoga bis zu Krafttraining an beschwerdeärmeren Tagen. Eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung mit Gemüse, Vollkornprodukten, geeigneten Eiweißquellen, hochwertigen Fetten und ausreichend Flüssigkeit bildet eine gute Basis; pauschale Verbote von Gluten, Milchprodukten oder anderen Lebensmittelgruppen sind ohne individuelle Begründung nicht sinnvoll. Auch regelmäßige Pausen, ausreichend Schlaf, flexible Arbeitsabläufe und Unterstützung im Alltag können entlasten. Bei anhaltenden Darmbeschwerden, starken Schmerzen oder psychischer Belastung können spezialisierte Ernährungsberatung, Beckenbodenphysiotherapie, psychosoziale Unterstützung und der Austausch in Selbsthilfegruppen hilfreich sein.
Ernährung und Darmgesundheit
Eine spezielle „Endometriose-Diät“, die für alle Betroffenen gleichermaßen geeignet ist, gibt es bislang nicht. Dennoch kann eine abwechslungsreiche, möglichst wenig verarbeitete Ernährung eine gute Grundlage bilden. Häufig empfohlen wird eine pflanzenbetonte Lebensmittelauswahl mit viel Gemüse, grünem Blattgemüse, Beeren, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und hochwertigen Pflanzenölen. Stark zuckerreiche und hochverarbeitete Lebensmittel sowie große Mengen roten oder verarbeiteten Fleisches können dagegen bewusst reduziert werden. Entscheidend ist dabei keine strenge Verbotsliste, sondern eine langfristig ausgewogene und individuell verträgliche Ernährung.
Auch die Darmgesundheit rückt zunehmend in den Fokus der Forschung. Darmbakterien sind unter anderem an Immunprozessen und am Stoffwechsel von Östrogenen beteiligt. Welche Bedeutung das Darmmikrobiom konkret für die Entstehung und den Verlauf einer Endometriose hat, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. Eine ballaststoffreiche Ernährung kann die normale Darmfunktion und die Vielfalt der Darmbakterien unterstützen. Geeignete Lebensmittel sind beispielsweise Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen und Beeren. Fermentierte Lebensmittel wie Naturjoghurt, Kefir, Sauerkraut oder Kimchi können die Ernährung ergänzen, sofern sie individuell gut vertragen werden.
Als Getränke eignen sich vor allem Wasser und ungesüßte Kräutertees. Ingwertee oder eine „Goldene Milch“ mit Kurkuma können als wohltuende Alternative zu stark gesüßten Getränken in den Alltag integriert werden. Auch Schafgarben- und Frauenmanteltee werden traditionell bei Frauenbeschwerden verwendet. Kaffee muss nicht grundsätzlich gemieden werden. Bei Unruhe, Schlafproblemen, empfindlichem Magen oder dem persönlichen Eindruck, dass Kaffee Beschwerden verstärkt, kann die Menge individuell reduziert oder vorübergehend durch koffeinfreie Getränke ersetzt werden.
Wann ist eine ärztliche Abklärung wichtig?
Eine gynäkologische Abklärung ist besonders sinnvoll, wenn Regelschmerzen regelmäßig den Alltag verhindern, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Stuhlgang oder Wasserlassen auftreten, sehr starke Blutungen bestehen, häufig Schmerzmittel benötigt werden oder ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt.
Plötzlich auftretende starke Schmerzen, Kreislaufprobleme, Ohnmacht, Fieber oder außergewöhnlich starke Blutungen sollten zeitnah medizinisch beurteilt werden.
Pass auf dich auf: Schmerzen verdienen Aufmerksamkeit
Die Geschichte der Endometriose zeigt, wie lange Beschwerden von Frauen fehlgedeutet, tabuisiert oder psychologisiert wurden. Auch heute ist die Erkrankung nicht immer leicht zu erkennen. Starke Regelschmerzen sind jedoch kein Schicksal, das still ausgehalten werden muss.
Endometriose ist eine komplexe chronische Erkrankung mit sehr unterschiedlichen Verläufen. Eine gute Versorgung verbindet medizinische Diagnostik und Therapie mit individuell passenden Maßnahmen für Ernährung, Bewegung, Schmerzumgang und Alltag.
Beschwerden sind real – auch wenn sie von außen nicht sichtbar sind.